Stochastik · Lektion 08 von 10

Fehler beim Testen von Hypothesen

Welche zwei Fehlentscheidungen kann ein Test treffen?

Warum machen Tests Fehler?

Ein Hypothesentest basiert auf einer Stichprobe, nicht auf der gesamten Grundgesamtheit. Daher kann er zu falschen Schlüssen führen – auch wenn alles richtig gemacht wird!

Die zwei möglichen Fehler

Fehler 1. Art (α-Fehler)

H₀ wird abgelehnt, obwohl H₀ wahr ist.

„Falscher Alarm"

Fehler 2. Art (β-Fehler)

H₀ wird nicht abgelehnt, obwohl H₀ falsch ist.

„Verpasster Treffer"

✓ RichtigFehler 1. Art(α-Fehler)Fehler 2. Art(β-Fehler)✓ RichtigH₀ wahrH₀ falschH₀ nichtabgelehntH₀abgelehntEntscheidungsmatrix

Fehler 1. Art (α-Fehler)

Definition

Der Fehler 1. Art tritt auf, wenn H₀ abgelehnt wird, obwohl H₀ in Wirklichkeit wahr ist.

Wichtige Eigenschaften

  • • α ist das Signifikanzniveau (z.B. 5% oder 1%)
  • • α wird vor dem Test festgelegt
  • • α ist die maximal tolerierte Wahrscheinlichkeit für diesen Fehler
  • • Je kleiner α, desto schwerer ist es, H₀ abzulehnen

Beispiel

Situation: Eine Maschine produziert normalerweise höchstens 5% Ausschuss. Wir testen, ob die Ausschussquote gestiegen ist.

Fehler 1. Art: Wir schließen, dass die Quote gestiegen ist (H₀ ablehnen), obwohl sie tatsächlich noch bei 5% liegt. Die Maschine wird unnötig repariert.

→ Unnötige Kosten, falscher Alarm

Fehler 2. Art (β-Fehler)

Definition

Der Fehler 2. Art tritt auf, wenn H₀ nicht abgelehnt wird, obwohl H₀ in Wirklichkeit falsch ist.

Wichtige Eigenschaften

  • • β hängt davon ab, wie falsch H₀ ist (vom wahren Wert p₁)
  • • β kann meist nur berechnet werden, wenn der wahre Wert bekannt ist
  • • Je näher p₁ an p₀, desto größer β (schwerer zu unterscheiden)
  • 1 - β heißt Macht (Power) des Tests

Beispiel

Situation: Die Ausschussquote ist tatsächlich auf 10% gestiegen.

Fehler 2. Art: Wir schließen, dass die Quote noch OK ist (H₀ nicht ablehnen), obwohl sie in Wirklichkeit gestiegen ist. Das Problem wird nicht erkannt.

→ Problem bleibt unentdeckt, weitere Fehler entstehen

Berechnung des β-Fehlers

Vorgehensweise

Um β zu berechnen, muss man wissen, was der wahre Wert p₁ ist (unter H₁). Dann berechnet man die Wahrscheinlichkeit, dass X im Annahmebereich liegt – aber unter der Verteilung mit p₁.

Formel für rechtsseitigen Test

Annahmebereich: {0, 1, ..., k-1}, Ablehnungsbereich: {k, ..., n}

= Wahrscheinlichkeit, im Annahmebereich zu landen, obwohl p = p₁

Rechenbeispiel

Situation: n = 50, p₀ = 0,1, α = 5%, rechtsseitiger Test
Kritischer Wert: k = 10 (H₀ ablehnen wenn X ≥ 10)

Frage: Wie groß ist β, wenn der wahre Anteil p₁ = 0,2 ist?

β(0,2) = P(X ≤ 9 | p = 0,2) = PB(50; 0,2)(X ≤ 9)

Mit GTR/Tabelle: ≈ 0,444 = 44,4%

Interpretation: Selbst wenn der wahre Anteil 20% ist (doppelt so hoch wie behauptet), wird der Test in 44,4% der Fälle das Problem nicht erkennen!

Zusammenhang zwischen α und β

Das Dilemma

α und β sind gegenläufig: Wenn man α verkleinert, wird β größer – und umgekehrt!

α ↓β ↑Kleineres α → Größeres β

α verkleinern

  • • Ablehnungsbereich wird kleiner
  • • Schwerer H₀ abzulehnen
  • • Weniger Fehler 1. Art
  • Aber: Mehr Fehler 2. Art (β↑)

β verkleinern

  • • Ablehnungsbereich wird größer
  • • Leichter H₀ abzulehnen
  • • Weniger Fehler 2. Art
  • Aber: Mehr Fehler 1. Art (α↑)

Lösung: Stichprobengröße erhöhen

Der einzige Weg, sowohl α als auch β gleichzeitig zu verkleinern, ist eine größere Stichprobe n zu wählen!

Mit mehr Daten kann der Test präziser entscheiden.

Praktische Bedeutung

Wann ist α-Fehler schlimmer?

  • Gerichtsverfahren: Unschuldige verurteilen (H₀: unschuldig)
  • Medizin: Gesunde als krank behandeln
  • Qualitätskontrolle: Gute Charge ablehnen → unnötige Kosten

→ In diesen Fällen wählt man ein kleines α (z.B. 1%)

Wann ist β-Fehler schlimmer?

  • Medizin: Kranken nicht erkennen → Krankheit verschlimmert sich
  • Sicherheitsprüfung: Defekt nicht erkennen → Unfall
  • Epidemiologie: Ausbruch nicht erkennen → Epidemie

→ In diesen Fällen will man ein kleines β, also α etwas größer wählen

Übersicht: Typische Werte

BereichTypisches αBegründung
Physik/Teilchen0,0000003 (5σ)Sehr hohe Sicherheit nötig
Medizin0,05 oder 0,01Kompromiss aus Sicherheit & Praktikabilität
Sozialwiss.0,05Standard in vielen Bereichen
Marketing0,10Schnelle Entscheidungen, Fehler weniger kritisch

Übungsaufgaben

Zusammenfassung

Übersicht Fehlerarten

FehlerBeschreibungWahrscheinlichkeitKontrolle
1. Art (α)H₀ ablehnen, obwohl wahrα (Signifikanzniveau)Direkt wählbar
2. Art (β)H₀ nicht ablehnen, obwohl falschβ (hängt von p₁ ab)Indirekt (über n)

Merke

  • • α und β sind gegenläufig
  • • Nur n erhöhen senkt beide
  • • 1 - β = Macht des Tests

✓ Typische Werte

  • • α = 5% (Standard)
  • • α = 1% (strenger)
  • • Macht ≥ 80% angestrebt

Ein Beispiel

Ein Test verwirft H₀: p ≤ 0,5 bei mindestens 9 von 10 Treffern. Betrachte tatsächlich p = 0,8.

  1. Bei p = 0,8 ist H₀ falsch. Ein Fehler zweiter Art tritt bei höchstens 8 Treffern auf.
  2. P₀,₈(X ≥ 9) = 10 · 0,8⁹ · 0,2 + 0,8¹⁰ ≈ 0,3758.
  3. Also β(0,8) = 1 − 0,3758 ≈ 0,6242. Die Verbesserung wird in etwa 62,4 % solcher Stichproben nicht erkannt.

Darauf kommt es an

β ist nicht 1 − α. Beide Wahrscheinlichkeiten beziehen sich auf unterschiedliche Annahmen über den tatsächlichen Parameter.

Aufgabe

Was ist 1 − β in Worten?

Lösung und Rechenweg anzeigen

Die Teststärke: die Wahrscheinlichkeit, bei der betrachteten tatsächlichen Alternative die falsche Nullhypothese zu verwerfen.