Stochastik · Lektion 09 von 10

Stetige Zufallsgrößen

Warum ist eine Wahrscheinlichkeit eine Fläche?

Was sind stetige Zufallsgrößen?

Bisher haben wir diskrete Zufallsgrößen betrachtet (z.B. Anzahl Treffer). Viele Größen in der Realität können jedoch jeden beliebigen Wert in einem Intervall annehmen – das sind stetige Zufallsgrößen.

Beispiele für stetige Zufallsgrößen

  • Körpergröße: 1,75 m, 1,753 m, ...
  • Gewicht: 70,5 kg, 70,52 kg, ...
  • Wartezeit: 5,3 min, 5,31 min, ...
  • Temperatur: 21,5 °C
  • Messfehler: kontinuierliche Abweichung
  • Lebensdauer: eines Bauteils
Diskret012345Einzelne WerteStetigabKontinuierliches Intervall

Wahrscheinlichkeitsdichte

Bei stetigen Zufallsgrößen ist die Wahrscheinlichkeit für einen einzelnen Wert immer 0! Stattdessen arbeiten wir mit einer Dichtefunktion f(x).

Dichtefunktion f(x)

Eigenschaften:

  • • f(x) ≥ 0 für alle x (nie negativ)
  • • Gesamtfläche unter der Kurve = 1

Wahrscheinlichkeit als Fläche:

= Fläche unter f(x) zwischen a und b

abP(a ≤ X ≤ b)xf(x)

Die Wahrscheinlichkeit entspricht der Fläche unter der Kurve

Verteilungsfunktion F(x)

Die Verteilungsfunktion (auch: kumulative Verteilungsfunktion) gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass X höchstens x beträgt.

Definition

F(x) ist die Stammfunktion der Dichtefunktion f(x).

Wichtige Eigenschaften

  • • F(x) ist monoton steigend
  • • F'(x) = f(x)

Wichtige Formeln

  • • P(X ≤ b) = F(b)
  • • P(X ≥ a) = 1 - F(a)
  • • P(a ≤ X ≤ b) = F(b) - F(a)
01x₀F(x₀)xF(x)

Erwartungswert und Varianz

Erwartungswert μ

Der Erwartungswert ist der „Schwerpunkt" der Verteilung:

Varianz σ²

Die Varianz misst die Streuung um den Erwartungswert:

Oder mit der alternativen Formel:

Standardabweichung σ

Die Standardabweichung hat dieselbe Einheit wie X.

Beispiel: Gleichverteilung

Die stetige Gleichverteilung auf [a, b]

Bei der Gleichverteilung sind alle Werte im Intervall [a, b] gleich wahrscheinlich.

Dichtefunktion

Verteilungsfunktion

Kenngrößen

Erwartungswert:

Varianz:

ab1/(b-a)

Rechenbeispiel

Aufgabe

Die Wartezeit X an einer Bushaltestelle ist gleichverteilt auf dem Intervall [0, 10] (in Minuten).

a) Wie lautet die Dichtefunktion?
b) Wie groß ist P(X ≤ 3)?
c) Wie groß ist P(2 ≤ X ≤ 7)?
d) Berechne Erwartungswert und Standardabweichung.

a) Dichtefunktion

Mit a = 0 und b = 10:

b) P(X ≤ 3)

c) P(2 ≤ X ≤ 7)

d) Erwartungswert und Standardabweichung

Erwartungswert:

Varianz:

Standardabweichung:

Übungsaufgaben

Zusammenfassung

Wichtige Formeln

Wahrscheinlichkeit:

Zusammenhang f und F:

F(x) = Stammfunktion von f(x), also F'(x) = f(x)

Einzelwert:

P(X = a) = 0 (immer!)

Wichtige Unterschiede zu diskreten Verteilungen

  • • P(X = x) = 0 für jeden einzelnen Wert
  • • P(X ≤ a) = P(X < a) (kein Unterschied!)
  • • Statt Summation → Integration
  • • Statt Wahrscheinlichkeiten → Dichten (können > 1 sein!)

Ein Beispiel

Eine Wartezeit ist gleichverteilt zwischen 0 und 10 Minuten. Wie wahrscheinlich sind 2 bis 5 Minuten?

  1. Die konstante Dichte ist 110,\frac{1}{10}, denn Breite 10 mal Höhe 110\frac{1}{10} ergibt Gesamtfläche 1.
  2. Das gesuchte Intervall hat Breite 5 − 2 = 3.
  3. Die Wahrscheinlichkeit beträgt 3 · 110\frac{1}{10} = 0,3 = 30 %.

Darauf kommt es an

Verwechsle die Dichte f(x) nicht mit P(X = x). Bei einer stetigen Verteilung ist die Wahrscheinlichkeit eines einzelnen Werts null.

Aufgabe

Wie wahrscheinlich sind bei derselben Verteilung höchstens 4 Minuten Wartezeit?

Lösung und Rechenweg anzeigen

Die Fläche von 0 bis 4 beträgt 4 · 110\frac{1}{10} = 0,4, also 40 %.