Stochastik · Lektion 02 von 10

Vierfeldertafel und bedingte Wahrscheinlichkeit

Was ändert sich, wenn du schon etwas weißt?

Warum Vierfeldertafeln?

In der Realität hängen Ereignisse oft zusammen: Rauchen und Lungenkrebs, Impfung und Krankheit, Werbung und Kaufverhalten. Die Vierfeldertafel hilft uns, solche Zusammenhänge übersichtlich darzustellen und zu analysieren.

Was du lernen wirst

  • Vierfeldertafeln erstellen und ausfüllen
  • Bedingte Wahrscheinlichkeiten berechnen
  • Stochastische Unabhängigkeit prüfen
  • Totale Wahrscheinlichkeit im Baumdiagramm

Die Vierfeldertafel

Eine Vierfeldertafel zeigt die gemeinsamen Häufigkeiten (oder Wahrscheinlichkeiten) zweier Merkmale A und B mit jeweils zwei Ausprägungen.

BΣ
AP(A ∩ B)P(A)
ΣP(B)1

Randwahrscheinlichkeiten

P(A), P(B), , stehen am Rand – sie ergeben sich als Zeilensumme bzw. Spaltensumme.

Schnittwahrscheinlichkeiten

Die vier inneren Felder zeigen die gemeinsamen Wahrscheinlichkeiten (A und B gleichzeitig).

Beispiel: Vierfeldertafel erstellen

Kontext: Bei einer Umfrage unter 200 Schülern wurde gefragt, ob sie Sport treiben (S) und ob sie sich gesund fühlen (G). Ergebnis: 80 treiben Sport, 120 fühlen sich gesund, 60 machen beides.

Schritt 1: Bekannte Werte eintragen

P(S) = 80/200 = 0,4; P(G) = 120/200 = 0,6; P(S ∩ G) = 60/200 = 0,3

Schritt 2: Fehlende Werte berechnen

Die Zeilen und Spalten müssen sich zu den Randsummen addieren:

G (gesund)Σ
S (Sport)0,300,100,40
0,300,300,60
Σ0,600,401,00

Bedingte Wahrscheinlichkeit

Die bedingte Wahrscheinlichkeit P(A|B) gibt an, wie wahrscheinlich A ist, wenn B bereits eingetreten ist.

Formel für bedingte Wahrscheinlichkeit

Lies: „Wahrscheinlichkeit von A unter der Bedingung B" oder „Wahrscheinlichkeit von A, gegeben B".

Intuition

Wenn wir wissen, dass B eingetreten ist, reduziert sich unser „Universum" auf B. Die bedingte Wahrscheinlichkeit ist der Anteil von A innerhalb dieses reduzierten Universums.

ΩBAA∩B

Beispiel mit der Vierfeldertafel

Aus dem Sport-Beispiel: Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand gesund ist, wenn er Sport treibt?

Vergleich: P(G) = 60% für alle. Sportler fühlen sich also häufiger gesund!

Multiplikationssatz

Aus der Formel für bedingte Wahrscheinlichkeit folgt direkt der Multiplikationssatz:

Multiplikationssatz

Die Schnittwahrscheinlichkeit = Randwahrscheinlichkeit × bedingte Wahrscheinlichkeit

Anwendung im Baumdiagramm

Im Baumdiagramm multiplizieren wir entlang der Pfade – das ist genau der Multiplikationssatz!

Beispiel: Erst B, dann A|B → P(A ∩ B) = P(B) · P(A|B)

Stochastische Unabhängigkeit

Zwei Ereignisse A und B heißen stochastisch unabhängig, wenn das Eintreten von B keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von A hat.

Äquivalente Definitionen

A und B sind unabhängig, wenn eine dieser Bedingungen gilt:

1.

2.

3. (Produktformel)

Beispiel: unabhängig

Zwei faire Münzwürfe: Der erste Wurf beeinflusst den zweiten nicht. P(Kopf₁ ∩ Kopf₂) = ½ · ½ = ¼

Beispiel: abhängig

Ziehen ohne Zurücklegen: Die erste Kugel beeinflusst die Wahrscheinlichkeiten für die zweite.

Unabhängigkeit prüfen (Sport-Beispiel)

Sind S und G unabhängig?

Prüfe: P(S ∩ G) = P(S) · P(G)?

Links: P(S ∩ G) = 0,30

Rechts: P(S) · P(G) = 0,4 · 0,6 = 0,24

0,30 ≠ 0,24 → S und G sind nicht unabhängig! (Es gibt einen Zusammenhang)

Satz der totalen Wahrscheinlichkeit

Der Satz der totalen Wahrscheinlichkeit hilft, wenn ein Ereignis B auf verschiedenen Wegen (über A oder über Ā) eintreten kann.

Satz der totalen Wahrscheinlichkeit

Das entspricht der 2. Pfadregel im Baumdiagramm: Alle Pfade, die zu B führen, addieren!

P(A)P(Ā)AĀP(B|A)BP(B|Ā)BP(A)·P(B|A)P(Ā)·P(B|Ā)

Beispiel: Produktionsqualität

Maschine M₁ produziert 60% der Teile mit 2% Ausschuss.
Maschine M₂ produziert 40% der Teile mit 5% Ausschuss.

Wie hoch ist die Gesamtausschussrate P(Ausschuss)?

Übungsaufgaben

Zusammenfassung

Die wichtigsten Formeln

Bedingte Wahrscheinlichkeit

Multiplikationssatz

Unabhängigkeit

Totale Wahrscheinlichkeit

Typische Fehler vermeiden

  • P(A|B) ≠ P(B|A): Bedingte Wahrscheinlichkeiten nicht verwechseln!
  • Vierfeldertafel: Kontrolliere, dass alle Summen stimmen
  • Unabhängigkeit: Nicht aus dem Kontext annehmen – rechnerisch prüfen!
  • Multiplikationssatz: Bei abhängigen Ereignissen bedingte W. nutzen

Ein Beispiel

Von 100 Personen fahren 40 mit dem Rad. 30 dieser 40 tragen einen Helm. Wie wahrscheinlich ist ein Helm unter den Radfahrenden?

  1. Die Bedingung lautet „fährt Rad“. Betrachte deshalb nur die 40 Radfahrenden.
  2. Davon erfüllen 30 zusätzlich „trägt Helm“.
  3. P(Helm | Rad) = 3040\frac{30}{40} = 0,75. Das sind 75 % der Radfahrenden, nicht 75 % aller Befragten.

Darauf kommt es an

P(B | A) und P(A | B) sind meist verschieden. Frage bei jeder Rechnung: Welche Gruppe bildet meinen Nenner?

Aufgabe

80 Personen treiben Sport, davon schwimmen 20. Wie groß ist P(Schwimmen | Sport)?

Lösung und Rechenweg anzeigen

Innerhalb der Sportgruppe schwimmen 20 von 80. Die bedingte Wahrscheinlichkeit beträgt 2080\frac{20}{80} = 25 %.